Geschichte des Untergrunds: Wie und Warum er gebaut wurde
Der Untergrund des Kolosseums – auf Lateinisch Hypogeum (von griechisch: unterirdisch) – ist eine der bemerkenswertesten ingenieurstechnischen Leistungen der Antike. Was ihn besonders faszinierend macht: Er wurde nicht gleichzeitig mit dem Rest des Amphitheaters gebaut.
Die ursprüngliche Arena und die Seeschlachten
Bei der Einweihung des Kolosseums im Jahr 80 n. Chr. unter Kaiser Titus war die Arena ein offenes Sandfeld ohne Untergeschoss. Die berühmten Naumachien – nachgestellte Seeschlachten mit echten Schiffen und Wasser – waren möglich, weil die Arena geflutet werden konnte. Antike Quellen wie der Dichter Martial beschreiben diese spektakulären ersten Spiele, bei denen das Kolosseum sowohl als Amphitheater als auch als temporäres Bassin diente.
Domitian und die Revolution des Untergrunds
Unter Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.), dem jüngsten der flavischen Kaiser und dem Bruder von Titus, wurde der Untergrund gebaut. Die Entscheidung hatte klare logistische Gründe: Die Spiele wurden immer elaborierter und komplexer. Mehr Gladiatoren, mehr Tiere, mehr Überraschungseffekte, mehr Mechanik. Die Seeschlachten wurden geopfert zugunsten eines Systems, das die Unterhaltung auf ein völlig neues Niveau hob.
Der Bau des Untergrunds dauerte vermutlich mehrere Jahre und erforderte erhebliche Eingriffe in die bestehende Struktur des Amphitheaters. Das Ergebnis war ein zweistöckiges unterirdisches System aus Gängen, Kammern, Rampen und Schächten, das die gesamte Arena unterquerte.
Der Betrieb des Untergrunds
Der fertige Untergrund funktionierte wie eine ausgeklügelte Theatermaschinerie. Hunderte von Sklaven, Technikern, Tierpflegern und Wächtern arbeiteten in den unterirdischen Gängen, während die Zuschauer auf den Rängen saßen. Gladiatoren warteten in ihren Zellen auf den Einsatz. Tiere wurden stunden- oder tagelang in Käfigen gehalten. Und dann, im entscheidenden Moment, stiegen Hebeplattformen auf und brachten Gladiatoren, Tiere oder ganze Bühnendekorationen durch Falltüren in die Arena – oft zur völligen Überraschung des Publikums.